Das Wesen der Informatik...

...ist nun seit jeher das Logo der Fachschaft Informatik. Ein kleines Baby, dass mit einem unschuldigen Grinsen auf einem Hocker sitzt -- mit einem Maschinengewehr in der Hand. Einige Leute haben mit Verwunderung nachgefragt, was das denn soll. Hier ist die Anwort.

Was ist das Wesen der Informatik?

wesen-der-informatik.png Ich glaube, niemand weiß mehr genau, wann das Wesen der Informatik zum ersten Mal aufgetaucht ist. Aber es ist alt. 10, 20 vielleicht sogar 30 Jahre. Das sage ich nur um eines klarzustellen. Das Wesen hat nichts mit Egoshootern zu tun. Vor 20 Jahren gab es noch keine Egoshooter. Vielleicht ähnliche Spiele, aber der Hype war mit Sicherheit nicht so groß wie heute.

Nein, die Bedeutung dieses Bildes hat etwas kritisches: Was passiert, wenn man einem Baby ein Maschinengewehr in die Hand drückt? Es spielt damit rum, ohne zu wissen, was es eigentlich tut. Keine sehr beruhigende Vorstellung.

Aber im Grunde beschreibt es die Informatik als Wissenschaft sehr treffend:

Im Jahr 2002 hatten wir hier in Darmstadt Feierlichkeiten zu "30 Jahre Informatik in Deutschland". 30 Jahre, im Vergleich mit anderen Wissenschaften (Physik (Newton), Biologie (Darwin), Philosophie (Sokrates)) ist das eigentlich recht jung. Außerdem kann wohl niemand die Konsequenzen richtig abschätzen, die diese Wissenschaft mit sich bringt. Es geht in der Informatik ja meistens darum, Probleme einfacher und effizienter automatisch zu lösen als bisher.

Niemand denkt daran, dass sich dadurch unerwartete Möglichkeiten bieten, die in den Händen von den falschen Leuten durchaus gefährlich sein können. Und das, obwohl es auf den ersten Blick nicht so aussieht.

Beispiel: RFID

Ein aktuelles Beispiel sind RFIDs (Radio Frequency Identification). Das sind kleine Computerchips, die auf eine bestimmte Funk-Anfrage hin, einen einprogrammierten Nummern-Code senden. Momentan werden diese Dinger vor allem zur Diebstahlsicherung in Kaufhäusern eingesetzt. Das Tolle an RFIDs ist, dass man die Energie des Anfrage-Signals nutzen kann um die Antwort zu senden. Auf diese Weise braucht man keine Batterie mehr. Außerdem ist der Code, der von dem Chip gesendet wird, lang genug, dass man jeder Ware der Welt eine eindeutige Nummer zuordnen kann. Nicht jeder Sorte. Jedem Stück. Jeder einzelnen Kaugummipackung!

Mittlerweile gibt es Bestrebungen in der Wirtschaft, die Barcodes auf Waren über kurz oder lang durch RFIDs zu ersetzen. Mittlerweile sind diese Chips so klein, dass sich quasi in Preisschilder oder Verpackungen einarbeiten lassen.

Toller Fortschritt!

So, jetzt waren wir erstmal im Minimal und haben etwas fürs Abendessen gekauft - und eine Packung Kaugummis. An der Kasse mussten wir nicht mehr warten. Nur noch durch Kasse gehen, die EC-Karte in das Lesegerät stecken und fertig.

Die Kaugummipackung tragen wir in den nächsten Tage in unserer Hosentasche durch die Stadt. Und dabei hinterlassen wir überall unsere Spuren. Jede Diebstahlsicherung im Kaufhaus kann unsere Kaugummipackung registrieren. Die Lesegeräte kann man in jede Tür einbauen. Theoretisch kann man zurückverfolgen, wo wir uns aufgehalten haben, ohne dass wir es merken. Denn die Chips werden ja über Funk, also quasi aus der Ferne ausgelesen.

Übertreibung?!

Wenn die gesetzliche Grundlage existiert, das Interesse da ist und etwas technisch möglich ist, wird es vermutlich auch gemacht.

Das Interesse ist mit Sicherheit da. Sei es zu Marktforschungszwecken, zur Verbrechensbekämpfung (was ja nun grundsätzlich nicht schlecht ist) oder um uns Werbung zukommen zu lassen. Solche persönlichen Daten lassen sich bestimmt auch gut an Leute verkaufen, die mit uns Geschäfte machen oder uns beschäftigen.

Die technische Möglichkeiten sind da. Und zwar vor allem durch riesige Massenspeicher, effiziente Suchalgorithmen (oder auch einfach: Datenbanken), sowie durch die allgemeine Vernetzung und eben durch die oben beschriebene Technologie.

Zu den gesetzlichen Grundlagen kann ich nicht viel sagen, aber die können sich schnell ändern.

Gerade jetzt, in einer Zeit, in der die Angst vor Terror aus dem nahen Osten doch recht groß ist.

Fazit

Wenn ihr im Jahr 2015 einen Kaugummi kauft, verschenkt ihn nicht an Leute, die ihr nicht kennt.

Es könnte ja sein, dass die Person irgendwo einen Mord begeht und sich die Polizei dann vertrauensvoll an euch wendet.

Mit Hilfe der Atomphysik kann man Millionen auf einen Schlag töten - jeder weiß das. Mit Hilfe der Informatik kann man Millionen auf einen Schlag kontrollieren, überwachen und unterdrücken.

Und momentan ist niemandem so richtig bewusst, dass das geht. Da liegt die Gefahr.

 

, erschienen in: Inforz 1/2004, Fachschaft Informatik, TU Darmstadt