Nach einigen Jahren Pause (und einer anschließend weiteren Pause) organisierte die Fachschaft Informatik im Wintersemester 2007/2008 wieder eine Veranstaltungsreihe über die Gesellschaftlichen Auswirkungen der Informatik. Auf mehreren Vorträgen sprachen verschiedenen externe Referenten über gesellschaftliche Aspekte der Informatik.
Mag es überzogen formuliert sein, aber: Zum Jahreswechsel 2007/2008 haben wir in Deutschland die Grenze zum Überwachungsstaat überschritten. 30.000 Bürgerinnen und Bürger ziehen gegen die beschlossene Vorratsdatenspeicherung vor das Bundesverfassunggericht.
Aber es wird noch mehr gesammelt, gespeichert und verwertet: Mautsysteme, Krankenkarten, digitales Fernsehen, Rechterestriktionsmanagment, Fingerabdrücke und genetische Codedaten in Personalpapieren. eCall-Systeme in Kraftfahrzeugen, RFID-Schnüffelchips in der Kleidung und jedem Produkt und beim Kauf derselben werde Boni gesammelt.
Ohne Informatik wäre das alles nicht so einfach möglich. Dank der Phantasielosigkeit der Anwendungsentwickler kommen bei allen "innovativen" Projekten immer nur Überwachungsszenarien heraus: Daten automatisch erfassen, abspeichern, auswerten und wenn die Welt morgen deswegen vor die Hunde geht, würden die Informatiker heute immer noch ein B-Bäumchen pflanzen. Es herrscht nach wie vor der Irrglaube, dass "Technik an sich neutral sei". Dabei erfordert die digital vernetzte Welt eine Menge Sicherungen - und die Zeit ist reif, dafür Budgets freizuschaufeln und Lehrstühle zu stiften.
Am 17. Januar 2008 um 13:15 Uhr in S2|02/C205.
Ein Film von Peter Haas, Silvia Holzinger, 80 min., GER/USA/AUT, 2006
Joseph Weizenbaum ist ein deutsch-US-amerikanischer Informatiker sowie Computerkritiker. Er ist Professor am MIT, schrieb Bücher wie Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft oder Computermacht und Gesellschaft.
Rebel at Work charakterisiert den selbsternannten Dissidenten und Ketzer der Computerwissenschaft.
Am 4. Dezember 2007 um 17:30 Uhr im Audimax (S1|03/050).
Dr. Eva Hornecker (The Open University, UK)
Verantwortung im informatischen Berufsalltag - Warum es wichtiger ist, die Arbeitskulturen informatischen Handels zu reflektieren als über ethische Theorien und Whistleblowing zu reden...
Es gehört zu den Aufgaben einer Fachdisziplin, ihr eigenes Handeln und ihre Praktiken kritisch zu betrachten und zu hinterfragen. IT-Fachkräfte tragen als Designer technischer Artefakte und Veränderer von Arbeitsumgebungen mindestens eine Teil-Verantwortung für deren Folgen. Dabei geht es nicht allein die technische Zuverlässigkeit der Software. Informatik verändert Arbeitsprozesse und -bedingungen, schafft neue Möglichkeiten (z.B. der Überwachung) und entwickelt Visionen, wie wir in der Zukunft leben werden (Roboter in der Altenpflege?).
Die Diskussion über Ethik in der Information befasst sich meist mit „großen" Fragen und generellen Themen, wie Datenschutz, Copyright, Hacking, oder mit Auswirkungen neuartiger Technologien. Lehrveranstaltungen bieten oft einen Überblick über ethische Theorien und diskutieren sog. Whistleblowing-Fälle. Ethik scheint kompliziert, schwierig, gar gefährlich. Mit solche große Fragen werden doch sicher nur wenige konfrontiert?
Nur wenige von uns haben die Möglichkeit, als Teil ihrer Berufspraxis über gesellschaftliche Auswirkungen nachdenken zu können oder über neue Forschungsinitiativen zu bestimmen. Dennoch tragen alle ihren Teil zu einer Arbeitskultur der Informatik bei, gestalten alltäglich die Beziehungen zwischen Informatikfachleuten, Anwendern und Gesellschaft mit. Wie diese Arbeitskultur und diese Beziehungen ausschauen, hat sehr wohl ethische Aspekte.
Diese erscheinen klein und man muss etwas genauer hinschauen - deshalb haben wir unsere Sichtweise „Mikro-Ethik" genannt. Auf die Rollenkonflikte, in die wir in der Berufspraxis stoßen, bereitet uns das Studium jedoch nur selten vor. Wann ist jemand verantwortlich und welche Bedingungen ermöglichen erst verantwortungsvolles Handeln? Der Vortrag diskutiert zudem Beispiele alltäglicher „ethischer Problemchen" in der Berufspraxis von Informatikern. Ich möchte mit Euch überlegen, wie eine verantwortliche Arbeitskultur der Informatik aussehen kann und wie wir sie möglich machen.
Literatur: Peter Bittner, Eva Hornecker. A Micro-Ethical View On Computing Practice. Proceedings of Critical Computing 2005, the The Fourth Decennial Aarhus Conference "Critical Computing - Between Sense and Sensibility". ACM 2005. pp. 69-78
Donnerstag, 1. November 2007, 12:30 Uhr in S2|02/C205